
Es war einmal ein Zeitalter, da sorgten sich Künstler noch darum, von ihrer Kunst leben zu können. Heute sorgen sich die Algorithmen darum, überhaupt als Kunst anerkannt zu werden – und scheitern dabei grandios an der simpelsten aller Fragen: Wer soll das bezahlen? Andy Jarosz hat diese unbequeme Wahrheit in seinem Artikel „AI Generated Media is Unmonetizable“ mit bemerkenswerter Klarheit formuliert. Seine These klingt zunächst wie ein Rückzugsgefecht traditioneller Kreativität, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung jedoch als hellsichtige Analyse eines fundamentalen Marktversagens.
Die große Demokratisierungsillusion
Während wir ehrfürchtig Soras neueste Videokreationen bestaunen und amüsiert ChatGPTs Gedichte beklatschen, übersehen wir eine banale ökonomische Realität: Niemand will dafür bezahlen. Jarosz bringt es auf den Punkt: „The type of person willing to watch an AI generated movie is not someone who will ever be willing to pay for it“. Diese Erkenntnis trifft ins Mark einer Industrie, die Milliarden in eine Technologie investiert, deren Output sich als ökonomisch wertlos erweisen könnte.
Die Ironie dabei? Ausgerechnet jene Plattformen, die als Wegbereiter der KI-Revolution gelten, ziehen stillschweigend die Reißleine. YouTube verschärfte im Juli 2025 seine Richtlinien gegen „inauthentische Inhalte“ – ein höflicher Ausdruck für massenproduzierte KI-Kreaturen ohne menschlichen Mehrwert. TikTok monetarisiert KI-Content grundsätzlich nicht mehr, es sei denn, er stammt von ausgewählten Creatorn mit nachweislich menschlicher Führung . Instagram verweigert KI-generierten Inhalten direkten Werbeanteil. Was wie technischer Fortschritt aussah, entpuppt sich als ökonomische Sackgasse.
Das Authentizitätsparadox der digitalen Moderne
Paradoxerweise bestätigt ausgerechnet die Konsumentenforschung Jarosz’ kulturpessimistische Diagnose: 70 Prozent der globalen Verbraucher fühlen sich unwohl bei vollständig KI-generiertem Content, weitere 54 Prozent lehnen selbst KI-assistierte Kreationen ab. Nur zehn Prozent zeigen sich „sehr zufrieden“ mit algorithmischen Erzeugnissen. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Traum von der demokratisierten Kreativität zerschellt an der hartnäckigen menschlichen Sehnsucht nach Authentizität.
Hier offenbart sich eine bemerkenswerte Dialektik der Digitalisierung. Dieselbe Technologie, die uns grenzenlose kreative Möglichkeiten verspricht, macht gleichzeitig das Menschliche zur kostbarsten Währung. Kunst, so Jarosz’ zentrale These, „ist fundamental menschlich; Kunst kann nicht ohne Künstler existieren“ . Was klingt wie romantische Verklärung, erweist sich als knallharte Marktlogik.
Goldgräberstimmung ohne Gold
Die Parallelen zur Fotografie-Revolution des 19. Jahrhunderts sind verblüffend. Damals prophezeiten Kritiker das Ende der Malerei – schließlich könne eine Maschine die Realität viel präziser abbilden als jeder Pinsel. Tatsächlich geschah das Gegenteil: Die Fotografie befreite die Malerei von der Abbildungsfunktion und ermöglichte erst die moderne Kunst. Heute erleben wir eine ähnliche Transformation: KI könnte die menschliche Kreativität nicht ersetzen, sondern zu neuen Formen der Authentizität drängen.
Doch während die Fotografie neue Märkte erschloss, droht die KI-Kreativität bestehende zu kannibalisieren, ohne Ersatz zu schaffen. Denn ein „unendlicher, selbstgenerierender Netflix“, wie Jarosz das KI-Szenario beschreibt, mag technisch beeindruckend sein – ökonomisch bleibt er ein Luftschloss. Selbst wenn Sora morgen einen Film von der Qualität „2001: Odyssee im Weltraum“ generieren könnte, würde das für die Monetarisierung irrelevant bleiben, solange Menschen intuitiv spüren, dass hinter dem Werk keine menschliche Erfahrung steht.
Die Entwertung des Unendlichen
Das Urheberrecht bestätigt diese ökonomische Intuition auf juristischer Ebene: Werke, die ausschließlich von KI geschaffen werden, genießen in den USA und in Europa keinen Schutz. Nur menschlich geprägte oder substanziell menschlich veränderte Arbeiten sind schutzfähig. Die EU folgt mit dem AI Act einem ähnlichen Ansatz und betont Transparenz sowie Schutz menschlicher Kreativität. Was zunächst wie technokratische Regulierung erscheint, spiegelt eine tiefere Wahrheit wider: Wert entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Knappheit und menschliche Erfahrung.
Ironischerweise delegiert ausgerechnet der kreative Sektor,traditionell Hüter menschlicher Ausdruckskraft, seine Kernkompetenz an Maschinen. Statt die KI als Werkzeug zu nutzen, das menschliche Kreativität verstärkt, verfällt die Branche dem Traum von der vollautomatischen Contenterzeugung. Dabei übersieht sie, dass Kreativität nie nur Produktion war, sondern immer auch Kommunikation zwischen Menschen.
Hybrid-Zukunft statt algorithmischer Autarkie
Das bedeutet nicht das Ende der KI in kreativen Prozessen. Vielmehr deutet sich eine Zukunft an, in der künstliche Intelligenz als mächtiges Werkzeug in menschlichen Händen ihre wahre Stärke entfaltet. YouTube, TikTok und Instagram monetarisieren KI-Content durchaus – allerdings nur dann, wenn erkennbarer menschlicher Mehrwert hinzugefügt wird. Persönliche Kommentare, originelle Perspektiven oder künstlerische Interpretation verwandeln algorithmische Rohstoffe in verwertbare Kreationen.
Die erfolgreichsten Creator der Plattform-Ökonomie haben das längst verstanden. Sie nutzen KI nicht als Ersatz für Kreativität, sondern als Turbolader menschlicher Ausdruckskraft. Wenn 53 Prozent der Konsumenten transparente KI-Kennzeichnung fordern, sprechen sie nicht gegen die Technologie – sie verlangen nach ehrlicher Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine.
Jarosz’ Diagnose der „Unmonetarisierbarkeit“ trifft also nur die reine KI-Kreation. Hybrid-Modelle, die algorithmische Effizienz mit menschlicher Authentizität verbinden, könnten durchaus profitabel sein. Die Kunst liegt darin, den Menschen nicht aus der Gleichung zu streichen, sondern ihn zum entscheidenden Faktor zu machen.
Des Kaisers neue Algorithmen
Am Ende entlarvt die KI-Monetarisierungsdebatte eine fundamentale Selbsttäuschung der Digitalwirtschaft. Während Unternehmen Milliarden in die Automatisierung menschlicher Kreativität stecken, sehnen sich Konsumenten nach genau dem Gegenteil: nach Geschichten, die nur Menschen erzählen können, nach Perspektiven, die nur menschliche Erfahrung hervorbringt, nach jener unberechenbaren Authentizität, die keine Maschine simulieren kann.
Vielleicht ist das die wahre Lektion von Andy Jarosz’ Analyse: In einer Welt voller künstlicher Intelligenz wird nicht die perfekte Imitation zum Luxusgut, sondern das unvollkommene Original. Der Kaiser mag keine Kleider tragen – aber wenigstens hat er noch eine Kasse, aus der er echte Künstler bezahlen kann. Die Algorithmen dagegen stehen nackt da, ohne Geld und ohne Publikum, das bereit wäre, für ihre digitalen Träume zu zahlen.
Die Zukunft der Kreativwirtschaft liegt nicht in der Wahl zwischen Mensch oder Maschine, sondern in der intelligenten Symbiose beider. Wer das begriffen hat, wird in der neuen Ökonomie der Authentizität bestehen. Alle anderen produzieren möglicherweise perfekte Inhalte – für ein Publikum, das längst woanders hingeschaut hat.