
Geben wir es zu: Der Rausch ist real. Wer ersten Mal Midjourney anwirft und nach wenigen Sekunden ein Bild vor sich hat, das die Grenzen zwischen Fotografie, Malerei und purer Fantasie auflöst, spürt diesen Sog. Es ist die Verlockung einer scheinbar grenzenlosen Macht, die Verheißung, jede Idee ohne die Mühen des Handwerks Wirklichkeit werden zu lassen. Doch während wir noch über die technische Brillanz staunen, übersehen wir leicht, dass wir Teil einer perfekt inszenierten Illusion geworden sind. Einer Illusion, die von den Tech-Konzernen gezündet und von den Medien bereitwillig mit Sauerstoff versorgt wird. Doch was geschieht, wenn der Rausch nachlässt und wir den Kater der Realität spüren?
Der Friedhof der geplatzten Versprechen und die Falle der falschen Debatte
Die Geschichte der Technik ist gepflastert mit den Grabsteinen einstiger Heilsbringer. Erinnern wir uns an das 3D-Fernsehen oder die erste Welle des „Web 2.0“, das als Meilenstein für einen neuen demokratischen Austausch gefeiert wurde. Bei jedem dieser Zyklen spielten die Medien eine unrühmliche Rolle: Zuerst als enthusiastische Herolde, die jede Marketingphrase unkritisch nachbeteten, und später als überraschte Beobachter des eigenen Irrtums.
Was aber, wenn die Kritik am Hype selbst zur Falle wird? Sobald die erste Euphorie abebbt, verfallen die Medien oft in ein zweites, nicht minder problematisches Muster: die Inszenierung einer polarisierten Debatte. Auf der einen Seite stehen die Technik-Utopisten, auf der anderen die Kulturpessimisten. Es entsteht ein medialer Schlagabtausch, der zwar für Quote und Klicks sorgt, aber intellektuell kaum Nährwert besitzt. Die wirklich wichtigen Fragen – nach den Grautönen, den Kompromissen, den langfristigen sozialen und ökonomischen Verschiebungen – gehen im Lärm des Pro-und-Contra-Gefechts unter. Selbst negative Kritik am Hype trägt so nur dazu bei, das Thema weiter im Gespräch zu halten, ohne es wirklich zu durchdringen.
Die Lust an der einfachen Wahrheit: Warum wir die Komplexität scheuen
Warum aber lassen sich die Medien auf dieses simple Spiel ein? Ein Teil der Antwort liegt in der Medienökonomie selbst: Konflikt verkauft sich besser als Konsens, Zuspitzung besser als Differenzierung. Doch die tiefere Ursache liegt bei uns, den Rezipienten. Wir sind es, die nach kognitiver Entlastung dürsten. In einer immer komplexeren Welt bieten klare Fronten und einfache Lager eine willkommene Orientierung. Die menschliche Psyche neigt dazu, Informationen zu bevorzugen, die die eigene Meinung bestärken, und solche zu meiden, die ihr widersprechen. Man nennt das „selektive Wahrnehmung„. Wir wollen unsere Weltsicht nicht herausfordern lassen, wir wollen sie bestätigt sehen.
Medien, die uns in diesem Bedürfnis bedienen, werden belohnt. Wir konsumieren jene Inhalte, die unser Lager befeuern und die Gegenseite als dumm oder bösartig darstellen. Echte Meinungsänderungen finden ohnehin selten durch Medienkonsum statt, sondern eher im persönlichen Gespräch. Die Medien verstärken also vor allem bereits bestehende Einstellungen. Eine Folge sind Echokammern, in denen eine dialektische Diskussion, die Synthese aus These und Antithese, fast unmöglich wird. Der Wunsch, in kommunikative Prozesse eingebunden zu werden, erschöpft sich im Anfeuern der eigenen Mannschaft. Es scheint, als sei die Angst, einen Hype zu verpassen, schlimmer, als von ihm getäuscht zu werden.
Die Aufgabe der Medien: Vom Schiedsrichter zum Spielmacher
Für uns, die wir täglich mit Medien und Bildern arbeiten, ist diese Entwicklung fatal. Eine Debatte, die nur fragt „Ist KI-Kunst echte Kunst?“ oder „Nimmt uns die KI die Jobs weg?“, greift zu kurz. Sie lenkt ab von den entscheidenden Fragen: Auf welchen Datensätzen wurden die Modelle trainiert und wessen Urheberrechte dabei verletzt? Welche ästhetische Monokultur entsteht, wenn Millionen Nutzer mit ähnlichen Befehlen ähnliche Bilder hervorbringen? Und welche Machtkonzentration findet bei den wenigen Unternehmen statt, die die Infrastruktur für diese neue Bilderwelt kontrollieren?
Ein verantwortungsvoller (Fach-)Journalismus müsste genau hier ansetzen. Er müsste die Rolle des bloßen Schiedsrichters im Pro-und-Contra-Spiel ablegen und zum Spielmacher einer tiefergehenden Debatte werden. Seine Aufgabe wäre es, die Komplexität nicht zu reduzieren, sondern sie navigierbar zu machen. Er müsste vom Staunen zum Sezieren übergehen und die verborgenen Strukturen hinter der glänzenden Oberfläche offenlegen.
Der Ausweg: Die Wiederentdeckung der anstrengenden Neugier
Die Lösung liegt nicht in der Verweigerung, sondern in der Kultivierung einer neuen, aufgeklärten Skepsis – bei den Produzenten wie bei den Konsumenten von Medien. Journalisten müssen den Mut haben, ihr Publikum zu fordern, statt es nur zu bedienen. Und wir als Rezipienten müssen die Bereitschaft entwickeln, unsere kognitive Bequemlichkeit zu überwinden und uns auf die anstrengende Schönheit der Zwischentöne einzulassen. Wir müssen lernen, jene zu belohnen, die uns zum Denken anregen, nicht jene, die uns nur in unserer Meinung bestärken. Denn am Ende entscheidet nicht die Leistungsfähigkeit eines Algorithmus über die Qualität unserer visuellen Kultur, sondern die Schärfe und Differenziertheit unseres eigenen Blicks. Und es ist die vornehmste Aufgabe der Medien, diesen Blick zu schulen, statt ihn durch das Spektakel eines Scheingefechts zu vernebeln.