
Haben Sie sich in letzter Zeit in einem Meetingraum oder einer Agenturküche umgesehen? Das Bild gleicht oft dem in der U-Bahn, wo ich neulich eine fast erschreckende Beobachtung machte: Nahezu jeder Fahrgast, vom Junior bis zum Senior, starrte wie gebannt auf ein leuchtendes Display. Wo früher Blicke und Gedanken schweiften, herrscht heute digitale Uniformität. Diese ununterbrochene Konzentration auf den Bildschirm, diese ständige digitale Nabelschnur zur Welt, formt unser Denken fundamental um. Die entscheidende Frage für uns lautet: Was bedeutet das für unser wichtigstes Kapital – die Fähigkeit zu tiefgründiger Konzentration, strategischer Weitsicht und origineller Ideenfindung?
Die These von der „digitalen Demenz“, die der Psychiater Manfred Spitzer bereits 2012 formulierte, wirkt zunächst plakativ. Sein Vergleich des Gehirns mit einem Muskel, der bei Nichtgebrauch verkümmert, weil wir Denkprozesse an Geräte auslagern, gewinnt jedoch an Kontur, wenn man die Realität beobachtet. An ihn musste ich denken, als ich kürzlich Zeuge einer Szene wurde, die man als Realsatire abtun könnte, wäre sie nicht so bezeichnend für eine schleichende Erosion kognitiver Grundfertigkeiten: Eine Bäckereifachkraft war nicht in der Lage, simples Wechselgeld im Kopf zu berechnen und musste für die Subtraktion von 2,60 Euro von 5,60 Euro schließlich ein Smartphone zu Rate ziehen. Ein Einzelfall? Oder ein Symptom, das uns zu denken geben sollte, wenn es um die Problemlösungskompetenz im Team geht?
Die Ambivalenz der Werkzeuge
Natürlich ist die Realität komplexer, als es alarmistische Buchtitel suggerieren. Es geht weniger um ein „Ob“ als vielmehr um ein „Wie“ und „Wieviel“ bei der Nutzung digitaler Medien. Diese Ambivalenz ist der Kern der Sache. Besonders das Phänomen des vermeintlichen Multitaskings, das im modernen Agenturalltag oft als Effizienzmerkmal missverstanden wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Bumerang. Die Forschung zeichnet hier ein ernüchterndes Bild: Häufiges, schnelles Wechseln zwischen verschiedenen Medien und Aufgaben geht nachweislich mit einer schlechteren Aufmerksamkeitskontrolle einher. Diese selbst antrainierte Zerstreutheit stört nicht nur die Fähigkeit zur Konzentration im Moment, sondern hinterlässt auf Dauer Spuren. Studien belegen eine klare Korrelation zwischen intensivem Medien-Multitasking und einer schwächeren Leistung des Arbeitsgedächtnisses. Für Kreativ-Teams ist das eine alarmierende Nachricht, denn strategische und konzeptionelle Arbeit lebt von der Fähigkeit zum „Deep Work“, dem tiefen, ungestörten Eintauchen in eine komplexe Materie.
Faszinierend ist auch die Forschung zum räumlichen Gedächtnis. Erinnern Sie sich, wie Sie früher Wege ohne Navigationssystem gefunden haben? Als leidenschaftlicher Autofahrer habe ich vor Jahren bewusst entschieden, bei Fahrten ohne Zeitdruck auf die digitale Routenführung zu verzichten. Mein subjektiver Eindruck: Meine natürliche Orientierungsfähigkeit hat sich dadurch spürbar verbessert. Studien stützen diese Beobachtung und zeigen, dass Menschen, die sich blind auf digitale Navigation verlassen, Einbußen im räumlichen Gedächtnis verzeichnen können. Übertragen auf die Unternehmensführung stellt sich die Frage: Verlieren wir unsere strategische Orientierung, unsere Fähigkeit, mentale Karten komplexer Märkte zu bauen, wenn wir uns nur noch auf KI-gestützte Dashboards und vorgefertigte Analysen verlassen?
Vom Konsumenten zum Produzenten
Doch die Geschichte hat, wie angedeutet, eine zweite Seite. Richtig eingesetzt, können digitale Technologien das Lernen und die Kreativität beflügeln. Entscheidend ist der Unterschied zwischen passivem Konsum und aktiver Produktion. Das passive Scrollen durch einen Social-Media-Feed hat völlig andere kognitive Auswirkungen als die aktive Teilnahme an einer fachlichen Diskussion oder das Verfassen eines durchdachten Konzepts. Um es mit einem einfachen Bild zu sagen: Fernsehen konsumieren oder selbst einen Film produzieren, sind zwei grundverschiedene Tätigkeiten. Für uns als Kreative bedeutet das: Die Meisterschaft über die Werkzeuge entscheidet.
Ein Phänomen, das in diesem Zusammenhang besonders nachdenklich stimmt, ist der sogenannte „Reverse Flynn-Effect“.
Nachdem die durchschnittlichen IQ-Werte in den Industrienationen über Jahrzehnte stetig anstiegen, beobachten Forscher nun in Ländern wie Norwegen, Dänemark oder Australien eine Trendwende. Die zeitliche Korrelation mit der explosionsartigen Verbreitung von Smartphones ist zumindest bemerkenswert. Eine Studie aus dem Jahr 2024 deutet darauf hin, dass intensive Smartphone-Nutzung mit erhöhter Impulsivität und verminderter kognitiver Flexibilität einhergehen kann – beides Faktoren, die für das Lösen komplexer Probleme entscheidend sind. Es wäre wissenschaftlich unredlich, hier einen monokausalen Zusammenhang zu behaupten. Dennoch sind wir die erste Spezies, die in einem derart massiven Umfang kognitive Aktivität an externe Geräte auslagert.
Fazit für die kreative Führung
Was bedeutet das alles für uns, die wir unseren Lebensunterhalt mit Denken und Gestalten verdienen? Ich persönlich praktiziere eine Art geistige Hygiene. Ich meide soziale Medien weitgehend, reduziere meinen Nachrichtenkonsum auf wenige, hochwertige Quellen und schaffe mir und meinen Teams bewusst Zeitfenster für ungestörtes Nachdenken – ohne Bildschirm.
Gleichzeitig wäre es töricht, die enormen Vorteile der neuen Werkzeuge zu ignorieren. Das Smartphone ist die Luxusversion einer tagesaktuellen Enzyklopädie. Die neuen KI-Systeme erlauben es uns, mit diesem Wissen in einen direkten Dialog zu treten, es zu strukturieren und neu zu verknüpfen. Der Schlüssel liegt in der bewussten, werkzeugorientierten Nutzung. Es geht darum, die geistige Souveränität zu behalten und die Technologie als das zu behandeln, was sie sein sollte: ein mächtiger Diener, aber ein furchtbarer Herr.