Eine persönliche Geschichte zur Transformation

Die analogen Wurzeln und der digitale Keim

Mein Weg in die Welt der Bilder begann, wie für viele meiner Generation, mit Filmen und Chemie. Dank eines kunstsinnigen Elternhauses waren mir die alchemistischen Prozesse der Dunkelkammer schon im Grundschulalter vertraut. Das rote Licht, der Geruch des Fixierers, das langsame Erscheinen eines Bildes im Entwicklerbad – diese sinnlichen Erfahrungen prägten ein tiefes Verständnis für das Wesen der Fotografie als ein Handwerk, das Licht und Zeit formt. Parallel zu dieser analogen Initiation vollzog sich in den frühen Achtzigerjahren der Einbruch einer völlig anderen Logik: Die ersten Personal-Computer fanden ihren Weg in die Gymnasien. Die Faszination für diese Maschinen und ihre binäre Präzision bildete den Gegenpol zur organischen Magie der Dunkelkammer. Mein beruflicher Einstieg in die Medienwelt war indes denkbar bodenständig – als Zusteller von Abonnement-Zeitschriften, eine frühe Lektion in Sachen Medienvertrieb.
Diese scheinbar getrennten Welten – die Kunst der Fotografie, die Logik des Computers und die Struktur der Medien – begannen während des Studiums zu konvergieren. Das aufkeimende Desktop-Publishing eröffnete die Möglichkeit, mein Interesse für gedruckte Medien und Computer in eine lukrative Tätigkeit als Trainer für die Druckvorstufe zu verwandeln. Diese Arbeit finanzierte nicht nur viele zusätzliche Semester, sondern bot auch tiefe Einblicke in die beginnende Digitalisierung einer ganzen Branche. Meine akademische Ausbildung fand ihren Abschluss mit einer medienwissenschaftlichen Arbeit über die Geschichte des pornografischen Comics – eine Auseinandersetzung mit Bildsprache und Subkultur, die den Blick für die gesellschaftliche Dimension visueller Medien schärfte.

Vom Autor zum Verleger: Die Gestaltung des Wandels

Nach dem Studium war der folgende Schritt naheliegend: Das gesammelte Wissen aus Technik, Theorie und Praxis floss in die Tätigkeit als freier Fachautor für die digitale Bildproduktion. Es war die Zeit, in der Fotografen und Grafiker den Übergang von der Dunkelkammer und dem Leuchttisch zu Photoshop und digitalen Workflows bewältigen mussten. Doch nach einigen Jahren des Schreibens im Auftrag unterschiedlicher (Fach-)Zeitschriften reifte der Wunsch, den Wandel nicht nur zu beschreiben, sondern ihn aktiv zu gestalten. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase, einer Zeit der digitalen Ernüchterung, bot sich die Gelegenheit zur nächsten Transformation: die Gründung einer eigenen Redaktion und eines gedruckten Special-Interest-Magazins, das sich ganz der digitalen Bildbearbeitung widmete – ergänzt um einen Online-Ableger für die aufstrebende Digitalfotografie.
Die folgenden zwei Jahrzehnte waren geprägt vom Aufbau eines medialen Ökosystems rund um das Thema der digitalen Bilder. Es war eine Phase kontinuierlicher, meist technikgetriebener Weiterentwicklungen: Eine Serie von Kreativ-Wettbewerben wurde ins Leben gerufen, zusätzlich zu allgemeineren Fachbüchern, eine 22-bändige Enzyklopädie zu Photoshop konzipiert und publiziert, diverse soziale Kanäle bespielt sowie zahlreiche Workshopreihen und Vorträge gehalten. All diese Aktivitäten dienten einem Ziel: eine Plattform für den professionellen Austausch und die anspruchsvolle Weiterbildung in einem sich rasant verändernden Feld zu schaffen.

Die KI-Wende und der Blick nach vorn

2022 wurde offensichtlich, dass eine weitere, diesmal jedoch fundamentalere Transformation bevorstand. Das Zeitalter der generativen KI hatte begonnen und stellte nicht nur neue Werkzeuge bereit, sondern warf grundlegende Fragen zur Autorschaft, Kreativität und dem Wert des Bildes auf. Diese Entwicklung verlangte nach neuen medialen Formen der Auseinandersetzung. Nach einer strategischen Neuausrichtung des Magazins und seiner digitalen Kanäle auf diese neue Thematik, fiel die persönliche Entscheidung, mich aus der Printpublikation zurückzuziehen. Der Grund dafür ist der gleiche, der alle früheren Transformationen angetrieben hat: der Wunsch, mich voll und ganz auf den Kern des Wandels zu konzentrieren.
Seither befinde ich mich in einer Doppelrolle: als Autor, der die komplexen Zusammenhänge der KI-Revolution für ein professionelles Publikum analysiert und einordnet. Und gleichzeitig als Transformationsbegleiter für Unternehmen, die vor der Herausforderung stehen, ihre eigenen Prozesse und Geschäftsmodelle an das KI-Zeitalter anzupassen. Die Erfahrung aus 40 Jahren Medienwandel hat eine zentrale Erkenntnis hervorgebracht: Technologie ist immer nur ein Teil der Gleichung. Mindestens ebenso wichtig sind die Fähigkeit zur kritischen Reflexion, die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen und der Mut, etablierte Strukturen zu verlassen, wenn eine neue Ära anbricht. Der Weg vom Pixel zum Prompt ist mehr als eine technische Evolution – er ist ein kultureller und kreativer Prozess, den es zu verstehen und zu gestalten gilt.