Politischer Slop: 162 Millionen Aufrufe für ein Gesetz, das es nicht gibt

Am Wochenende staubsaugen soll künftig verboten sein, wer sich nicht daran hält, zahlt. Private Gärten werden verboten, wer Hunde und Katzen hält, muss eine zusätzliche Abgabe zahlen, wer den Rettungswagen ruft, zahlt ihn künftig selbst, und ein neuer Schnellzug bringt Sie in kürzester Zeit von Berlin nach Istanbul. Vorgetragen wird das von einer Stimme, der man anhört, dass sie Deutsch aus zweiter Hand gelernt hat: Betonungen sitzen an falschen Stellen, ein Wort kippt am Satzende ins Nichts. Dazu ein Kanzler, der durch einen Flur schreitet, den es so nie gab, mit einem Gesicht, das an den Rändern leicht schwimmt. Niemand sieht genau hin. Ganz klar: Politischer Slop. Dennoch: In den Kommentaren darunter steht trotzdem echte Wut.

Ein Ausrutscher ist das nicht, es ist Fließbandware. Das Center für Monitoring, Analyse und Strategie, kurz CeMAS, hat im Februar 72 TikTok-Konten ausgewertet, die zwischen November 2024 und Januar 2026 zusammen 5.265 solcher Videos abgesetzt haben. Auf 1,1 Millionen Abonnements kommen sie, auf 162 Millionen Aufrufe, 2,7 Millionen Likes und rund 386.000 Kommentare. Ein Katalog erfundener Zumutungen, der zielsicher die Nerven trifft, die ohnehin blank liegen: Eigentum, Alltag, Sicherheit, Religion.

Dass hier nicht 72 verärgerte Privatleute unabhängig voneinander auf dieselben Einfälle kamen, lässt sich zeigen. Dieselben Behauptungen tauchen wortgleich auf verschiedenen Konten auf, Bildsequenzen werden weiterverwendet, die Konten folgen einander, manche wurden im Abstand von ein bis zwei Minuten angemeldet. Eines vertonte seine ersten Videos auf Russisch, bevor es zu Deutsch wechselte. Und doch ist die Lüge das Uninteressanteste an dieser Geschichte.

Der Mond war auch schon mal bewohnt

Wer darin ein Novum des digitalen Zeitalters sieht, unterschätzt die Zähigkeit des Musters. Im August 1835 druckte die New Yorker Sun eine Serie über Leben auf dem Mond: Bisons, zweibeinige Biber, geflügelte Menschenwesen, angeblich beobachtet durch ein neuartiges Teleskop am Kap der Guten Hoffnung. Beigefügt waren Lithographien, denn eine Behauptung allein hätte nicht getragen; erst das Bild machte sie zur Tatsache. Die Auflage schoss in die Höhe, und das war der Zweck der Übung. Die Fälschung war ein Geschäftsmodell, keine Weltanschauung.

Illustration zum vierten Artikel einer sechsteiligen amerikanischen Zeitungsserie über angebliches Leben auf dem Mond (Great Moon Hoax)
Illustration zum vierten Artikel einer sechsteiligen amerikanischen Zeitungsserie über angebliches Leben auf dem Mond (Great Moon Hoax)

Achtzig Jahre später fotografierten zwei Mädchen aus Cottingley Papierfiguren am Bachrand und nannten sie Feen. Die Aufnahmen sind mit heutigen Augen betrachtet erbärmlich: flache Ausschnitte, falsches Licht, keine Tiefe. Arthur Conan Doyle, immerhin der Erfinder des scharfsinnigsten Ermittlers der Literaturgeschichte, hielt sie 1920 für echt und schrieb einen begeisterten Artikel darüber. Den Ausschlag gab der Wunsch, es möge stimmen.

Die Videos über das Staubsaugverbot sind die Cottingley-Feen der Empörungsökonomie. Sie müssen niemanden überzeugen, der genau hinsieht. Es genügt, jemanden zu bestätigen, der ohnehin vermutet, dass da oben Leute sitzen, die ihm das Leben schwer machen wollen.

Slop ist die Fahrstuhlmusik des Bildes

Für das Zeug hat sich das englische Wort „slop“ eingebürgert, eigentlich der Schweinetrog-Brei, das Spülwasser, der Abfall. Der Begriff trifft besser, als seinen Erfindern vielleicht bewusst war. Masse ohne Nährwert, Füllmaterial.

Eine Parallele drängt sich auf, die zunächst harmlos wirkt: die Fahrstuhlmusik, in Fachkreisen auch unter dem Markenbegriff „Muzak“ bekannt. Ab den dreißiger Jahren wurde Musik industriell hergestellt, die niemand bewußt hören sollte, sondern die einen Raum füllen und Stimmungen steuern sollte. Handwerklich sauber und zugleich inhaltlich vollkommen belanglos. Und genau darin lag ihr Zweck. Sie war das erste großformatige Kulturgut, das nicht für Ohren, sondern für die Ausgestaltung vom Räumen gemacht wurde.

Der Bilder-Slop macht dasselbe mit dem Sehsinn, mit einem entscheidenden Unterschied: Er füllt keinen Raum, er füllt einen Algorithmus. Die Untersuchung von AI Forensics vom Juli 2025 fand in Spanien, Deutschland und Polen bei einem Viertel der obersten TikTok-Suchergebnisse synthetische Bilder. Über 80 Prozent davon stammten von sogenannten Agentic AI Accounts, also Profilen, deren einziger Daseinszweck die automatisierte Ausschüttung von KI-Material ist. Fast alle dieser Bilder waren fotorealistisch. Gekennzeichnet war ungefähr die Hälfte, bei Instagram knapp ein Viertel, und manche Kennzeichnung fiel so unauffällig aus, dass sie ihren Namen kaum verdient.

Muzak wollte, dass Sie länger im Kaufhaus bleiben oder produktiver arbeiten. Slop will, dass Sie länger scrollen. Beides ist Möblierung. Nur ist die Möblierung inzwischen politisch.

Wenn der Trog eine Richtung hat

Denn hier hört die Harmlosigkeit auf. Die von CeMAS untersuchten Konten streuen nicht wahllos Unsinn. Sie stellen die Bundesregierung und den Bundeskanzler zuverlässig als bürgerfern und schikanös dar, während die die Opposition, vor allem die AfD wiederkehrend gut wegkommt. Sie bedienen das Narrativ einer „Islamisierung“ oder kritisieren die Unterstützung der Ukraine. In Großbritannien gibt es laut NewsGuard ähnliche Videos gegen den inzwischen zurückgetretenen Premierminister Keir Starmer.

Ob kommerzielle oder politische Betreiber dahinterstehen, ließ sich nicht klären, und die Trennung führt womöglich schon in die Irre. TikToks Creator Rewards Program schüttet in bestimmten Ländern an Konten aus, die 10.000 Abonnenten und 100.000 Videoabrufe in dreißig Tagen vorweisen. Dann bekommt man pro 1000 „qualifizierten“ Views zwischen 40 Cent und einem Dollar. Ein politischer Akteur könnte so Kampagnen gegenfinazieren, wenn es ihm gelingt hinlänglich resonanzstarke Kurzvideos zu produzieren. Alternativ kann er bei erfolgreichen AI-Slopern Reichweite mieten wie eine Werbefläche. Kurz gesagt: Wer Desinformation lange für eine Sache von Geheimdiensten hielt, muss umlernen: Die Infrastruktur ist ein gewöhnlicher Dienstleistungsmarkt geworden.

Bemerkenswert ist die Schutzbehauptung, die viele dieser Konten in ihre Beschreibungen schreiben: „Satire“. Ein Wort, das seit Tucholsky als Freibrief für die Zuspitzung gilt, dient hier als juristischer Airbag. Satire überzeichnet eine erkennbare Wirklichkeit, damit man sie schärfer sieht. Diese Videos behaupten eine nicht existierende Wirklichkeit, damit man sie für wahr hält. Das ist das Gegenteil und benutzt trotzdem dieselbe Vokabel.

Was die Kommentare verraten

Der beunruhigendste Teil der CeMAS-Auswertung steht nicht in den Zahlen, sondern unter den Videos. Viele Kommentare klingen, als nähmen die Verfasser das Gezeigte ernst. Sie fordern den Rücktritt des Kanzlers. Sie beklagen die Ausgaben für die Ukraine, auch unter Videos, die mit der Ukraine nichts zu tun haben. Ob dahinter Menschen stehen oder weitere automatisierte Konten, ließ sich mangels Datenzugang nicht feststellen, und diese Unsicherheit ist selbst ein Befund. Eine Öffentlichkeit, bei der niemand mehr ermitteln kann, wer in ihr spricht, ist keine Öffentlichkeit mehr, sondern eine Kulisse.

Der Schaden entsteht in der Summe. Kein Mensch ändert seine Wahlentscheidung wegen eines erfundenen Staubsaugverbots. Tausend solcher Meldungen, die über Wochen und Monate auf jemanden einwirken, hinterlassen eine Grundstimmung, und Grundstimmungen sind zäher als Fakten. Was hängen bleibt, ist der Satz: „Von denen kommt sowieso nur Schikane.“ Der Einzelfake ist widerlegbar, das Gefühl nicht. Slop wirkt darum weniger wie eine Lüge und mehr wie ein Klima. Sie glauben das mit der Penetration von Unsinn funktioniert nicht? Dann denken Sie mal (das klappt aber nur, wenn Sie schon etwas älter sind) an Gardinen mit einer Goldkante.

Die unbequeme Nebenrechnung

Man kann das alles als Argument gegen generative Bildwerkzeuge lesen. Ich habe eher den Eindruck, dass diese Rechnung zu bequem ausfällt. Die Sun brauchte 1835 keine Bildmaschine, sondern einen Lithographen und einen Redakteur ohne Skrupel. Geändert hat sich der Preis: Was früher Handwerk, Zeit und ein Motiv verlangte, kostet heute Sekunden und läuft nebenbei. Die zweite Änderung wiegt schwerer. Es gibt jetzt eine Maschine, die aus dem Erzeugten das Erfolgreiche heraussucht und weiterreicht. Die Fälschung muss nicht mehr überzeugen, sie muss nur noch ausprobieren. Tausend Varianten, ein Treffer genügt.

Damit verschiebt sich die Verantwortung. Über das Werkzeug zu klagen, ist ungefähr so ergiebig wie eine Klage über die Erfindung der Druckerpresse. Interessant ist, wer die Verteilung betreibt und wer daran verdient. Der Digital Services Act nimmt die sehr großen Plattformen in die Pflicht, systemische Risiken zu erkennen und ihnen vorzubeugen. Bislang bedeutet das vor allem: einzelne Beiträge melden, einzelne Konten sperren. Bei einem Netzwerk, dessen Konten sich im Minutentakt registrieren und gegenseitig hochreichen, ist das Großwildjagd mit der Fliegenklatsche. Sichtbar wird das Muster erst, wenn man die Struktur analysiert statt der einzelnen Zelle, und dafür bräuchten Forschung und Zivilgesellschaft einen Datenzugang zu den sozialen Plattformen, den sie nicht haben.

Ein Paradox bleibt, das man aushalten muss: Dieselbe Kennzeichnungspflicht, die synthetische Bilder markieren soll, erzieht uns womöglich dazu, alles Unmarkierte für echt zu halten. Und je gewöhnlicher der Hinweis „KI-generiert“ wird, desto weniger sagt er aus. Ein Etikett, das überall klebt, informiert niemanden mehr.

Die Frage „Ist dieses Bild echt?“ wird von Jahr zu Jahr schwerer zu beantworten sein. Weiter trägt die alte Frage jeder ordentlichen Redaktion: Wer sagt das, und was hat er davon? Ein Konto, das seit vierzehn Monaten täglich empörende Neuigkeiten über deutsche Gesetze ausschüttet und dabei an der Grammatik scheitert, beantwortet sie von selbst.

Der Zug nach Istanbul fährt also gar nicht. Aber jemand verdient an der Bekanntgabe des Fahrplans.

Munter bleiben!


Medienkompetenz 
in Zeiten von KI

Bilder beweisen nichts mehr. Generative KI hat die Grenze zwischen echter und simulierter Wirklichkeit nahezu unsichtbar gemacht. In „Synthetische Wahrheit“ liefert DOCMA-Herausgeber Christoph Künne eine fundierte und nüchterne Bestandsaufnahme dieses historischen Epochenbruchs. Fernab von Technik-Euphorie und apokalyptischen Untergangsszenarien. 


FAQ


Was ist KI-Slop?

KI-Slop bezeichnet massenhaft mit generativer KI produzierte Inhalte von niedriger Qualität, die Social-Media-Feeds fluten und auf Reichweite statt auf Information zielen. Der englische Begriff „slop“ meint ursprünglich Spülwasser oder Schweinefutter. Typisch sind fotorealistische Bilder, synthetische Sprecherstimmen und fehlerhafte Untertitel. Produziert wird nach wiederkehrenden Mustern, um auszuprobieren, welche Varianten der Empfehlungsalgorithmus bevorzugt.

Wie viele KI-generierte Bilder finden sich in den TikTok-Suchergebnissen?

Rund ein Viertel der obersten TikTok-Suchergebnisse enthält KI-generierte Bilder. Das ergab eine Untersuchung der Organisation AI Forensics vom Juli 2025, die im Juni 2025 in Spanien, Deutschland und Polen jeweils die 30 besten Treffer zu 13 Hashtags manuell auswertete. Über 80 Prozent dieser Bilder waren fotorealistisch, was ihre täuschende Wirkung erhöht. Auf Instagram lag der Anteil deutlich niedriger.

Wie zuverlässig kennzeichnen TikTok und Instagram KI-generierte Inhalte?

Nur etwa die Hälfte der KI-Inhalte auf TikTok ist als solche gekennzeichnet, auf Instagram sind es rund 23 Prozent. Das stellte AI Forensics im Juli 2025 fest, obwohl beide Plattformen im Rahmen des Digital Services Act entsprechende Zusagen gemacht haben. Manche Kennzeichnungen sind zudem kaum sichtbar, und für Instagram-Nutzer am Rechner fehlten sie in der Untersuchung ganz.

Welche Falschbehauptungen verbreiten KI-Videos über die deutsche Bundesregierung?

Die Videos behaupten neue Verbote und Abgaben, die es nicht gibt: eine Steuer auf Hunde und Katzen, ein Verbot privater Gärten, ein Staubsaugverbot am Wochenende, private Zahlungspflichten für Rettungseinsätze. Hinzu kommen Erfindungen wie legalisierte Polygamie oder ein Schnellzug, der Berlin und Istanbul in einer Stunde verbinden soll. Dargestellt werden sie als Entscheidungen der Bundesregierung oder als persönliche Anordnungen des Bundeskanzlers.

Wie groß ist das Netzwerk der KI-Desinformationskonten auf TikTok in Deutschland?

Das Center für Monitoring, Analyse und Strategie identifizierte mindestens 72 TikTok-Konten, die KI-gestützte Desinformation über deutsche Politik verbreiten. Sie erreichen zusammen rund 1,1 Millionen Follower und veröffentlichten zwischen dem 15. November 2024 und dem 27. Januar 2026 mindestens 5.265 Videos mit rund 162 Millionen Abrufen, 2,7 Millionen Likes und etwa 386.000 Kommentaren. Laut CeMAS bildet das vermutlich nur einen Teil eines größeren Netzwerks ab.

Wer steckt hinter den KI-Slop-Konten auf TikTok?

Eine eindeutige Zuordnung ist bislang nicht möglich. CeMAS hält kommerzielle Betreiber für plausibel, die TikToks Creator Rewards Program nutzen, ebenso ein Zusammenwirken mit politischen Desinformationsakteuren. Sprachfehler in KI-Vertonungen und Untertiteln deuten auf nicht-deutschsprachige Urheber hin. Ein Konto veröffentlichte zunächst Videos mit russischer Tonspur, bevor es auf Deutsch umstellte. Registrierungen im Abstand von ein bis zwei Minuten sprechen für ein koordiniertes Netzwerk.

Welche politische Richtung haben die KI-Videos über deutsche Politik?

Die von CeMAS untersuchten Konten stellen die Bundesregierung und Bundeskanzler Friedrich Merz systematisch negativ dar und zeigen die AfD wiederholt in positivem Licht. Verbreitet werden zudem pro-russische Narrative, etwa die Abwertung ukrainischer Geflüchteter und Kritik an der Unterstützung der Ukraine. Ein weiterer Strang bedient das Narrativ einer angeblichen Islamisierung Deutschlands. Das deutet auf eine politische Zielsetzung über reinen Clickbait hinaus.

Warum wirken KI-Videos, obwohl ihre Qualität schlecht ist?

Über die Wirkung entscheidet die Menge, nicht die Machart. Weil Produktion und Verbreitung fast nichts kosten, lassen sich tausende Varianten testen, bis eine viral geht. Stichproben von CeMAS zeigen, dass viele Kommentare den Inhalt trotz erkennbar schlechter Qualität ernst nehmen. Der Essay argumentiert, dass einzelne Falschmeldungen widerlegbar bleiben, die entstehende Grundstimmung gegen staatliche Institutionen aber nicht.

Warum bezeichnen sich diese TikTok-Konten als Satire?

Viele Konten schreiben Satire-Hinweise in ihre Video- und Profilbeschreibungen. CeMAS wertet das als Versuch, Moderationsmaßnahmen der Plattform zu umgehen. Inhaltlich handelt es sich überwiegend um politische Falschinformationen, die auf die Diskreditierung der Bundesregierung zielen. Satire überzeichnet eine erkennbare Wirklichkeit, während diese Videos eine nicht existierende Wirklichkeit behaupten, damit Zuschauer sie für wahr halten.

Was können Plattformen gegen KI-gestützte Desinformation tun?

Das Melden einzelner Beiträge oder Konten reicht bei koordinierten Netzwerken nicht aus, weil das Muster erst in der Analyse über viele Konten hinweg sichtbar wird. CeMAS fordert, Plattformen zur Auswertung von Netzwerkstrukturen und Interaktionsmustern zu verpflichten und diese Daten für Forschung und Zivilgesellschaft zugänglich zu machen. Der Digital Services Act nimmt sehr große Plattformen in die Pflicht, systemische Risiken zu erkennen und vorzubeugen.

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