Agentic Engineering: Bauen wir uns morgen unsere Software einfach selbst?

Gelernte Grafikerin, sagt sie, also ganz ohne Codekentnisse. Und trotzdem hat sich die Gründerin auf dem Podium inzwischen jede digitale Funktionserweiterung, die sie im Arbeitsalltag braucht, selbst gebaut? Schlicht indem sie dem Rechner in normalen Sätzen aufschreibt, was er tun soll? Das war vor etwa einem halben Jahr bei einer Veranstaltung, und ich fand es erstaunlich, konnte es mir aber nicht so recht vorstellen: richtige Programme, entstanden aus alltagssprachlichen Texteingaben?

Inzwischen erzählt mir, gefühlt, jeder Dritte aus meiner Blase, dass die Nächte mit dem Bauen eigener Werkzeuge draufgehen. Das wirft ein paar Fragen auf. Was ist dran am Rummel? Wie funktioniert das im Prinzip? Wofür taugt es, und wofür besser nicht? Und was passiert mit unserem Umgang mit Computern, wenn Beispiele wie PhotoCraft, der binnen weniger Wochen mit KI-Hilfe hingestellte Photoshop-Nachbau, Schule machen? Bauen wir uns morgen unsere Software einfach selbst?

Ein Gefühl wird Methode

Der Name stammt von Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI und früher bei Tesla für die KI zuständig. Anfang Februar 2025 beschrieb er auf X eine neue Art zu programmieren: sich ganz den Stimmungen überlassen, alle Änderungen ungelesen annehmen und vergessen, dass es den Code überhaupt gibt. Er selbst hielt das für ganz brauchbar bei Wegwerfprojekten am Wochenende, und seinen Tweet nennt er heute einen hingeworfenen Einfall, der zufällig im richtigen Moment den richtigen Namen fand. Im November kürte das Collins Dictionary „Vibe Coding“ zum Wort des Jahres. Im Februar 2026 schlug Karpathy dann für die professionelle Spielart einen anderen Namen vor: „agentic engineering“. Programmieren mit KI-Agenten, also mit Programmen, die mehrere Arbeitsschritte selbständig hintereinander erledigen, werde für Profis zunehmend zum Normalfall, nur mit mehr Aufsicht und Prüfung, und den Code schreibe man dabei zu 99 Prozent nicht mehr selbst.

Streng genommen beginnt Vibe Coding dort, wo niemand mehr den Code liest. So sieht es der Entwickler Simon Willison: Wer das von der Maschine Geschriebene prüft, testet und anderen erklären kann, betreibt schlicht Softwareentwicklung mit einem schnellen Helfer. Prüfen ist eben das Gegenteil von Stimmung, und an dieser Grenze entzündet sich der Streit um den Begriff.

Und der Rummel? Er hat zwei Hälften. Die erste ist real: Nach eigenen Angaben sind bei Vercels Werkzeug von knapp zwei Drittel der Nutzer keine Entwickler, bei Lovable sollen vier von fünf Nutzern nichttechnische Berufe haben. Das sind allerdings Zahlen von Firmen, die Nutzer brauchen, also eher Stimmungsbild als Statistik. Die zweite Hälfte ist das gefühlte Tempo. 2025 ließ die Forschungsgruppe METR erfahrene Entwickler an Projekten arbeiten, die sie seit Jahren kannten, einmal mit und einmal ohne KI: Mit KI dauerte es 19 Prozent länger, obwohl sich die Beteiligten hinterher rund 20 Prozent schneller wähnten. Das war eine Momentaufnahme der Werkzeuge vom Frühjahr 2025, und METR hält es für wahrscheinlich, dass die Beschleunigung heute größer ausfällt, kann ihr Ausmaß aber nicht belegen. Eine Nachfolgestudie musste die Gruppe umbauen, weil viele Entwickler gar nicht mehr ohne KI arbeiten wollten. Das Gefühl, schneller zu sein, ist jedenfalls kein Messwert. Dass sich ein Werkzeug nicht mehr wegdenken lässt, übrigens auch nicht.

Der Schiedsrichter sitzt im Rechner

Im Prinzip funktioniert das so: Man beschreibt, was man braucht, ein Sprachmodell, das an gewaltigen Mengen vorhandenen Programmtexts gelernt hat, schreibt den Code, und ein Hilfsprogramm führt ihn aus. Läuft er nicht, liest das Modell die Fehlermeldung, ändert etwas und versucht es noch einmal, bis auf dem Bildschirm etwas steht, das dem Gewünschten ähnelt. Karpathy beschrieb das in seinem Tweet erstaunlich nüchtern: Änderungen nimmt er ungelesen an, Fehlermeldungen kopiert er ohne Kommentar zurück, und wenn ein Fehler nicht weichen will, lässt er sich so lange zufällige Änderungen vorschlagen, bis er verschwindet. Der Mensch beurteilt dabei nicht den Text, sondern das Ergebnis: Knopf zu klein, Tabelle falsch sortiert, Datei verschwunden. Er klickt, schaut und schimpft, und die Maschine bessert nach.

Dass das ausgerechnet beim Programmieren so gut klappt, hat einen schlichten Grund. Programmcode lässt sich, anders als ein Aufsatz oder ein Bild, sofort auf Richtig und Falsch prüfen, indem man ihn laufen lässt. Ein Programm, das abstürzt, fällt auf. Ein Programm, das still falsch rechnet, leider nicht immer. Davon später mehr.

Der Photoshop-Nachbau zeigt, wie weit man mit dieser Methode kommt, wenn der Schiedsrichter besonders gut ist. Das Original steht daneben und liefert die Antworten: In den Prüfdateien von PhotoCraft gilt Photoshops eigenes Ergebnis als Maßstab. Nachbauen ist so gesehen die leichteste Übung, weil das Pflichtenheft schon geschrieben ist, die Oberfläche jedem Profi vertraut und jeder Handgriff in Handbüchern und Köpfen längst erklärt wurde. Wer dagegen etwas Neues bauen will, muss zuerst wissen, was. Das war schon immer einer der schwierigsten Teile der Softwareentwicklung, und die Maschine nimmt ihn niemandem ab.

Hausmannskost

Wofür taugt das Ganze also? Für alles, was klein, persönlich und verzeihlich ist: ein Helfer, der Bilddateien nach den eigenen Regeln umbenennt, ein Formular für Angebote, eine Erweiterung für das Programm, mit dem man ohnehin arbeitet, ein Werkzeug für genau einen Auftrag, das danach wegdarf. Vermutlich meinte die Gründerin vom Podium genau diese Sorte.

Neu ist die Idee übrigens nicht. Der Schriftsteller Robin Sloan schrieb schon 2020 unter dem Titel „An app can be a home-cooked meal“ über einen kleinen Messenger namens BoopSnoop, den er für seine Familie gebaut hatte und den sonst niemand je benutzen würde. Das Programmieren fürs eigene Esszimmer, so Sloan, habe mit professioneller Softwareentwicklung ungefähr so wenig zu tun wie das Kochen zu Hause mit dem Betrieb einer Großküche.

Neu ist der Preis. Maßarbeit, für die man früher einen Entwickler und ein Budget brauchte, kostet heute einen Abend und ein Abo. Simon Willison, der Vibe Coding ausdrücklich verteidigt, wünscht sich, dass jeder lästige Aufgaben mit dem Rechner automatisieren kann, ohne dafür ein Informatikstudium zu brauchen. Auch ohne Rummel ist das kein kleines Versprechen.

Wo der Besen durchgeht

Allerdings endet die Hausmannskost dort, wo andere mitessen. Ein Programm für den eigenen Schreibtisch darf abstürzen, ein Programm, das fremde Daten verwaltet, nicht. Willison rät deshalb zu Vorhaben, die im Ernstfall wenig Schaden anrichten, zur Vorsicht bei Zugangsschlüsseln und privaten Daten und dazu, alles, was andere nutzen sollen, vorher jemandem mit Erfahrung zu zeigen. In der Praxis verschwimmt die Grenze schneller, als es klingt. Als Matt Palmer, nach eigener Angabe Mitarbeiter des Konkurrenten Replit, 2025 insgesamt 1.645 Projekte aus dem Website- und App-Vorlagen-Portfolio des Anbieters Lovable untersuchte, hatten 170 davon ihre Datenbank so offen gelassen, dass sich Nutzerlisten, Zahlungsdaten und teils Zugangsschlüssel abrufen ließen. Ende Januar 2026 fanden die Sicherheitsforscher von Wiz bei Moltbook, einem Netzwerk für KI-Agenten, dessen Gründer öffentlich erklärt hatte, keine Zeile Code selbst geschrieben zu haben, binnen Minuten eine Datenbank mit rund 1,5 Millionen Zugangsschlüsseln und 35.000 E-Mail-Adressen, für jeden les- und beschreibbar. Und im Juli 2025 löschte ein Agent von Replit in einem Testlauf des SaaStr-Gründers Jason Lemkin trotz ausdrücklichem Änderungsstopp die Datenbank, behauptete zunächst, eine Wiederherstellung sei unmöglich, und gestand später, in Panik gehandelt zu haben.

Bemerkenswert ist, dass es selten um schlechte Codezeilen ging, sondern um das, was um den Code herum fehlte: bei Lovable und Moltbook die Zugriffsregeln der Datenbank, bei Replit die Trennung von Test und Ernstfall, denn der Agent arbeitete damals mit derselben Datenbank für Vorschau, Test und Betrieb. Wiz-Mitgründer Ami Luttwak fasste es so zusammen, dass die Sache zwar rasend schnell laufe, viele aber die Grundlagen der Sicherheit vergäßen. Wer nicht weiß, dass man danach fragen muss, fragt auch die Maschine nicht. Die Prüffirma Veracode ließ 2025 mehr als hundert Sprachmodelle 80 Aufgaben lösen und fand in 45 Prozent der Fälle bekannte Schwachstellen. Die Firma verkauft Prüfsoftware und ist insofern nicht ganz uninteressiert, aber die Fälle oben passen ins Bild. Goethes Zauberlehrling hätte seine Freude an der Methode: Den Besen loszuschicken ist leicht, ihn anzuhalten die eigentliche Kunst.

Schon einmal dagewesen

Neu ist das Muster allerdings nicht. 1979 kam mit VisiCalc die erste Tabellenkalkulation für Personalcomputer auf den Markt, und seither programmieren Millionen Menschen, ohne es so zu nennen: Wer eine Formel in eine Zelle schreibt, gibt dem Rechner einen Auftrag. Die Berufsprogrammierer sind davon nicht überflüssig geworden, die Fehler allerdings demokratisch verteilt. Im Herbst 2020 fehlten in der englischen Corona-Statistik knapp 16.000 positive Tests, weil eine Behörde ihre Daten in ein altes Excel-Format mit Zeilenobergrenze gepackt hatte, und gut eine Woche lang fiel es niemandem auf. Das Programm lief, nur eben falsch.

Wer aus der Gestaltung kommt, erinnert sich an 1985, als Apples LaserWriter und Aldus PageMaker das Setzen auf den Schreibtisch holten. Plötzlich durfte jeder Gestalter sein, und eine Zeit lang trugen Einladungskarten zwölf Schriftarten. Die Gestalter verschwanden nicht, ihre Arbeit rutschte vom Handwerk des Setzens zum Urteil darüber, was gut ist, und zur Verantwortung für das Ergebnis. In beiden Fällen sank der Preis der Herstellung drastisch, und knapp wurde etwas anderes: die Prüfung.

Zwei Küchen

Zurück zu PhotoCraft. Sein Entwickler Brandon Thomas legt Wert darauf, kein beiläufiger Vibe-Coder zu sein, sondern ein Veteran mit fünfzehn Jahren Berufserfahrung, und er baut keine Hausmannskost, sondern eine Großküche: ein Programm für Millionen, mit Erweiterungen, Handbüchern, Kundenfristen und Haftung. Dass sich die sichtbare Hälfte, laut dem eigenen Fahrplan des Projekts 60 bis 70 Prozent dessen, was ein durchschnittlicher Photoshop-Nutzer anfasst, binnen Wochen hinstellen lässt, hat der Versuch gezeigt. Zugleich räumt derselbe Fahrplan ein, dass ein Profi für die tägliche Arbeit grob geschätzt erst zu 25 bis 35 Prozent wechseln könnte und vollständige Parität viele Monate kostet.

Was passiert also, wenn das Beispiel Schule macht? Vermutlich zweierlei, und beides gleichzeitig. Zum einen wird die Hausmannskost normal: persönliche Werkzeuge, kleine Erweiterungen, Programme für den Verein, die Familie oder das Büro, gebaut an einem Abend und weggeworfen, wenn sie nicht mehr passen. Zum anderen geraten die Großküchen unter Preisdruck. Die Börse hat diese Frage im Februar 2026 schon einmal gestellt und vorsichtshalber mit Panik beantwortet: Nachdem Anthropic und OpenAI neue Werkzeuge vorgestellt hatten, verlor die Softwarebranche binnen weniger Wochen nach verbreiteten Schätzungen rund eine Billion Dollar an Börsenwert, die Rede war von der „SaaSpocalypse“. Ein Teil der Kurse erholte sich, als Anthropic Kooperationen mit einigen der betroffenen Firmen ankündigte. Die Verluste machten sie allerdings nicht wett.

Was sich nicht billig bauen lässt, ist Vertrauen. Wer nimmt den Anruf entgegen, wenn die Software mitten in der Kundenarbeit versagt? Wer pflegt sie in fünf Jahren, wenn sich Betriebssysteme, Dateiformate und die Modelle, mit denen sie gebaut wurde, längst verändert haben? Das ist der Kern des Unterschieds zwischen einem Monat und vielen Monaten: Das Gerüst ist schnell gebaut, der Betrieb dauert Jahre.

Vom Nutzer zum Besteller

Was bedeutet das für unseren Umgang mit Computern? Bisher lautete die Frage: Gibt es dafür ein Programm? Künftig lautet sie öfter: Soll ich mir das bauen lassen? Wir werden vom Nutzer zum Besteller, und Software wird, zumindest an den Rändern, vom Kulturgut zum Verbrauchsgegenstand: ein Werkzeug für einen Anlass, danach weg. Vermutlich werden die großen Programme dadurch eher zu Plattformen, an denen sich viele kleine Eigenbauten festhalten, solange sie ihnen Schnittstellen lassen. Wer seine Daten und Erweiterungen abschottet, lädt die eigene Kundschaft dagegen zum Nachbauen ein.

Die gefragte Fähigkeit verschiebt sich vom Schreiben zum Beschreiben und Prüfen. Wer präzise sagen kann, was er will, und misstrauisch genug ist nachzusehen, ob er es bekommen hat, wird mit diesen Werkzeugen weit kommen. Das ist ein Handwerk, das man aus dem Umgang mit Dienstleistern kennt, nur dass dieser Dienstleister nie müde wird und kaum widerspricht.

Offen bleibt eine Frage, die mich mehr beschäftigt als die Börsenkurse: Wer prüft eigentlich, was niemand mehr liest? Vibe Coding heißt ja gerade, den Code zu vergessen. Eine Gesellschaft, die immer mehr Alltagsprogramme betreibt, die nie ein Mensch gelesen hat, ist entweder besonders frei oder besonders ahnungslos, vermutlich beides.

Das Kochen zu Hause hat das Restaurant nie abgeschafft. Es hat nur dafür gesorgt, dass mehr Menschen merken, was auf ihrem Teller landet. Vielleicht ist das der eigentliche Gewinn: Wer einmal selbst ein Programm gebaut hat, ahnt, was Software kostet, und wird beim nächsten Versprechen von hundert Prozent in einem Monat ein wenig skeptischer. Bauen Sie also ruhig selbst. Aber servieren Sie Gästen nur, was Sie vorher probiert haben.

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