
LIFE, einst die Bibel des Fotojournalismus, kehrt am 23. November zurück: vierteljährlich, 250 Seiten dick, 45 Dollar teuer. Das kann die Wiedergeburt der gedruckten Bildpresse sein oder ihr prächtigster Grabstein.
Zwischen Schallplattenkisten und verbeulten Emailleschildern steht ein Umzugskarton, randvoll mit LIFE. Die Mondlandung, Kennedy, Marilyn, dazwischen Anzeigen für Zigaretten und Straßenkreuzer, das Heft für drei Dollar, fünf für zehn. Wer darin blättert, hält das Bildgedächtnis eines halben Jahrhunderts in den Händen, und es riecht ein wenig nach Keller.
Ausgerechnet diese Marke, deren Altbestände man auf jedem besseren US-Flohmarkt für Kleingeld bekommt, kehrt nun als Luxusgut zurück. Am 23. November, auf den Tag 90 Jahre nach der ersten Ausgabe, erscheint ein neues LIFE. Die Schallplatten in der Kiste daneben kennen diese Geschichte bereits.
Vom Groschenblatt zum Gabentisch
Was da zurückkehrt, hat mit dem LIFE aus dem Karton allerdings wenig gemein. Das alte erschien wöchentlich und kostete zehn Cent, nach heutigem Geld gut zwei Dollar. Das neue erscheint viermal im Jahr, großformatig und 250 Seiten stark, und kostet real knapp das Zwanzigfache. Aus dem Groschenblatt für jeden Haushalt wird ein Ziegelstein für den Kaffeetisch.
Dahinter steht Bedford Media, die Firma von Karlie Kloss, Model und Unternehmerin, und ihrem Mann Joshua Kushner, Gründer des Wagniskapitalgebers Thrive Capital. Im März 2024 sicherte sich Bedford bei Dotdash Meredith, heute People Inc., die Rechte zur Herausgabe. Angepeilt war der Neustart einmal für Anfang 2025, nun solle es Ende 2026 soweit sein.
Die Mannschaft ist mit Bedacht gewählt. Chefredakteur Hugo Lindgren leitete einst das New York Times Magazine, Kreativdirektor Richard Turley machte aus Bloomberg Businessweek in den 2010er Jahren eines der meistdiskutierten Magazine der Branche, die Bildredaktion führt Eve Lyons. Für die erste Ausgabe mit dem Titel „Where Are We Now?“ haben mehr als 120 Mitwirkende gearbeitet, und als Verbeugung vor dem Anfang kehrt das Heft dorthin zurück, wo 1936 alles begann: nach Fort Peck in Montana.
Das Heft selbst ist dabei nur der Anfang, so schreiben es die Herausgeber ausdrücklich. Folgen sollen Dokumentarfilme, kurze Videos, Mitgliederabende und Sammlerstücke. So gesehen ist die Zeitschrift das Schaufenster eines größeren Geschäfts.
Ein Berliner mit amerikanischem Pass
Was hier wiederbelebt wird, hat seine Wurzeln überraschend in Berlin. Die Berliner Illustrirte Zeitung aus dem Hause Ullstein erreichte 1931 eine Auflage von rund 1,95 Millionen und war damit die zweitgrößte Illustrierte der Welt. Ihr Chefredakteur Kurt Korff hatte dort den modernen Bildjournalismus neu durchdacht, vom Auftrag über die Seitengestaltung bis zum Archiv.
Wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor Korff seinen Posten, das Entlassungsschreiben trägt das Datum 3. März 1933. Ende 1934 ging er nach New York und beriet dort Hearst und Time Inc., also auch Henry Luce, der gerade ein Bildmagazin plante. Den Begriff des Fotoessays, mit dem LIFE berühmt wurde, führt Reiner Hartmann im Fachportal Visual History auf Korffs Arbeitsweise zurück. Einen Platz in der Chefredaktion bot Luce ihm allerdings nicht an. Korff starb im Januar 1938 in New York. Alfred Eisenstaedt, später einer der prägenden LIFE-Fotografen, hatte vorher ebenfalls für die Ullstein-Blätter gearbeitet. LIFE ist also zu einem guten Teil ein Berliner Gewächs mit amerikanischem Pass, groß geworden mit dem Wissen von Leuten, die man in Deutschland gerade vertrieben hatte.
Luce selbst schrieb 1936 in seinem vertraulichen Prospekt, die Menschen wollten „sehen und staunen; sehen und belehrt werden“. Sie wollten es tatsächlich. Die erste Ausgabe war sofort vergriffen, vier Monate später verkaufte LIFE mehr als eine Million Hefte pro Woche, zu den besten Zeiten über acht Millionen. Das Heft lag in den Wohnzimmern Amerikas wie heute das Smartphone auf dem Nachttisch.
Dann kam das Fernsehen und lieferte bewegte Bilder frei Haus, ausgerechnet in jene Wohnzimmer. Der Nachahmer Look gab 1971 auf, LIFE stellte die wöchentliche Ausgabe 1972 ein. Es folgten ein Monatsheft von 1978 bis 2000, eine Zeitungsbeilage von 2004 bis 2007, eine Website mit Getty Images und eine endlose Reihe von Sonderheften. Dreimal hat Time Inc. das Heft beerdigt, dreimal kam es wieder. Es macht damit seinem Namen alle Ehre.
Je mehr Bilder, desto weniger Blick
Luce versprach seinen Lesern damals Dinge, die Tausende Meilen entfernt liegen, verborgen hinter Mauern oder zu gefährlich, um selbst hinzugehen. Das war 1936 ein kühnes Versprechen, denn Bilder waren knapp. Heute trägt jeder eine Kamera in der Tasche, und die Bilder rauschen als Strom vorbei.
Die neuen Herausgeber haben das in ihrem Begrüßungsbrief auf eine Formel gebracht: Je schneller wir scrollen, desto weniger sehen wir. Knapp ist heute der Blick. LIFE verkauft also Verweildauer, Aufmerksamkeit in Papierform, die sich nicht wegwischen lässt.
Dabei war LIFE einmal selbst der Bildstrom, das Instagram der Großeltern, ein Medium der Beschleunigung, das jede Woche die Welt ins Haus spülte. Was damals als Tempo galt, verkaufen die neuen Macher als Entschleunigung, zum Preis eines guten Bildbands. Und weil es so viel kostet, sagt es auch etwas über seinen Besitzer. Pierre Bourdieu hätte seine Freude an den feinen Unterschieden: Wer das Heft offen auf dem Tisch liegen hat, zeigt vor allem, dass er sich Langsamkeit leisten kann.
Das Familienalbum bleibt beim Vermieter
Die berühmten Bilder, von denen die Marke lebt, gehören den neuen Betreibern gar nicht. Das Foto- und Textarchiv bleibt bei People Inc., Bedford führt nur das Heft. Das hat Tradition: Auch Luce kaufte 1936 vor allem einen Namen. Für 92.000 Dollar übernahm er ein angeschlagenes Humorblatt namens LIFE, weil er den Titel wollte.
In Deutschland kamen im Frühjahr ebenfalls auffallend viele neue Magazine auf den Markt. W&V befand, mit einer Wiedergeburt der Gattung habe das nur bedingt zu tun, Gedrucktes werde vielmehr zur sorgfältig inszenierten Bühne für Marken und Werbekunden. LIFE folgt genau diesem Muster: Das Papier verleiht dem Geschäft drumherum seine Würde. Ob dabei Journalismus entsteht oder ein edler Fanartikel, entscheidet die Redaktion.
Wenn sich Bilder beliebig erzeugen lassen, wandert die Frage vom Bild zu dem, der dafür bürgt. Ausgerechnet die Bildmaschinen suchen dabei selbst Halt im Papier. Der KI-Bildgenerator Midjourney brachte schon 2023 ein monatliches Heft heraus, gefüllt mit den bestbewerteten Bildern der eigenen Nutzerschaft, Gesprächen mit den Leuten dahinter und, natürlich, den Textbefehlen, aus denen die Bilder entstanden. Bei LIFE bürgte ein Fotograf mit seinem Namen, bei Midjourney steht der Befehl an die Maschine. Runway, ein New Yorker Hersteller von KI-Videowerkzeugen, folgte 2024 mit dem Magazin Telescope.
Ein gedrucktes Heft lässt sich nach dem Erscheinen nicht still korrigieren und nicht löschen. Es ist ein Zeitstempel mit Gewicht. Wahrheit garantiert Papier deshalb noch lange nicht, das beweist Midjourney gleich mit: Ein erfundenes Bild bleibt auch gedruckt erfunden.
Auch LIFE war nie ein neutrales Fenster zur Welt. 1941 rief er darin das „Amerikanische Jahrhundert“ aus, ein Programm mit klarer Richtung. Glaubwürdigkeit entstand aus der Sorgfalt dahinter und aus dem Ruf, den sich die Redaktion Woche für Woche erarbeiten musste. Mit vier Ausgaben im Jahr wächst ein solcher Ruf deutlich langsamer.
Dazu kommt der Preis. Ein Blatt, das einst in Millionen Haushalten lag, wird zum Liebhaberstück für jene, die sich Muße leisten können. Den gemeinsamen Blick, den die Herausgeber gegen die Zersplitterung der Medien setzen wollen, teilen dann vor allem die, die ohnehin schon gemeinsam hinschauen.
Die Probe auf dem Flohmarkt
Eine Wiedergeburt der bildlastigen gedruckten Nachrichtenpresse ist das vermutlich nicht. Die Nachricht ist endgültig in den Strom abgewandert, und ein Vierteljahresheft läuft der Gegenwart naturgemäß hinterher. Was zurückkehrt, ist etwas anderes: das gedruckte Bild als Zeitstempel, als Ruhepol und, ja, auch als Statussymbol. Die Bildpresse zieht vom Wochenmarkt in den Museumsladen, geöffnet viermal im Jahr.
Wenn ein Heft für 45 Dollar Menschen dazu bringt, ein Foto länger anzusehen, als der Daumen zum Wegwischen braucht, hat es mehr erreicht als mancher Algorithmus. Ob sich das trägt, entscheiden die Jüngeren: Sie müssten bereit sein, für Langsamkeit zu bezahlen.
Die ehrlichste Bilanz zieht in ein paar Jahrzehnten der Flohmarkt, in einem Umzugskarton zwischen Schallplatten und Emailleschildern. Dort landen Hefte, die gelesen wurden, gesammelte verschwinden in Schutzhüllen. Man wünscht dem neuen LIFE also das schönste Schicksal, das einer Zeitschrift widerfahren kann: zerlesen, weitergereicht, mit Eselsohren, für dann vielleicht auch etwa drei Euro das Stück.