
Wenn aus einfachen Texteingaben auf Knopfdruck fotorealistische Bilder werden – wer braucht dann noch eine Kamera? Martin Vieten hat mit Christoph Künne, dem Verleger und Chefredakteur des DOCMA-Magazins darüber gesprochen, ob die Fotografie eine Zukunft hat oder ob wir alle bald nur noch Textzeilen tippen um Fotos zu erzeugen.
Martin Vieten: Im Vorwort Eurer neuen DOCMA-Ausgbe sprichst Du von einer „Zeitenwende“, im Hinblick auf die Fotografie und die Bildbearbeitung. Was genau meinst Du damit?
Christoph Künne: Fotografie und Bildbearbeitung werden schon länger von Werkzeugen revolutioniert, die auf künstlicher Intelligenz (KI) aufbauen. KI ist nicht nur für Kreative das nächste große Ding. Sie gibt uns ganz neue Möglichkeiten an die Hand, betrifft aber nicht alle gleichermaßen. Für Fotografen gilt: Einige Foto-Profis werden an ihren Geschäftsmodellen arbeiten müssen. Das mussten sie aber auch schon beim Einzug der Digitalfotografie, bei der Popularisierung von Photoshop und seit es Smartphones gibt, die „richtige“ Kameras in immer mehr Bereichen ersetzen.
Nichtkommerzielle Fotografen bekommen mit diesen Werkzeugen ganz neue Möglichkeiten an die Hand. Heute zum Beispiel bereits, um bisherige Workflows massiv zu beschleunigen und zu vereinfachen.

Martin Vieten: Ihr habt im aktuellen Heft einen sehr ausführlichen Schwerpunkt zu KI. Ist das gerade ein Hype oder glaubst Du, die KI-Tools werden sich langfristig durchsetzen?
Christoph Künne: Ich denke, KI wird sich in jedem Fall durchsetzen. Nicht als Ersatz für die Fotografie, sondern als Ergänzung und bestenfalls als Assistenz. Wir haben für unseren Heftschwerpunkt mit vielen Experten gesprochen. Da wird ganz klar: Bisher gibt es mehr Grenzen als Möglichkeiten. Aber die Entwicklungsgeschwindigkeit der Werkzeuge ist rasant.
Martin Vieten: Wie kann man als nicht-professioneller Fotograf von den neuen Werkzeugen profitieren?
Christoph Künne: Das kommt vor allem auf den eigenen Anspruch an. Fotografen der Fineart-Fraktion, die mit ihrer Plattenkamera stundenlang vor einem unbeweglichen Motiv aufs rechte Licht warten, die Negative in der Dunkelkammer nach allen Regeln der Kunst wie Ansel Adams ausarbeiten und digitale Techniken nur nutzen, um anschließend die eingescannten Prints mit ihren Fans und Freunden zu teilen, brauchen wahrscheinlich keine KI-Tools.
Foto-Pragmatiker hingegen, die mit Digitalkameras arbeiten, Raw-Dateien entwickeln und ihren Bildern in Photoshop den letzten Schliff geben, können jetzt schon profitieren. Man denke nur an Lightrooms neue automatische Masken bei der Raw-Entwicklung, vollautomatisierte Porträtretuschen auf High-End Niveau, per Klick ausgetauschte Himmel oder Spielereien wie die automatische Colorierung von alten Schwarzweißfotos. Im neuen DOCMA-Heft erklären wir all das ausführlich.
Grundsätzlich gilt: Wer gerne mit technischen Hilfen wie Autofokus, Belichtungsautomatiken, Bildstabilisierung oder Objektivkorrekturen fotografiert, wird die neue Werkzeuge lieben. KI-Tools sind übrigens nicht Photohop-spezifische. Es gibt sie in vielen andern Bildbearbeitungsprogrammen. Etwa in den Produkten von Skylum, Topaz oder DXO. Sie können per Knopfdruck Rauschen entfernen, Auflösungen verlustfrei hochrechnen, Doge & Burn-Masken erzeugen, schärfen oder Farben optimieren. Alles Arbeiten, die zuvor manchmal Stunden in Anspruch genommen haben.
Die aktuell viel gehypte KI-Funktion, Texte in Fotos umzuwandeln ist nur eine weitere Disziplin, die aktuell eher Illustratoren und Fotomonteure nützt. Aber es gibt auch schon erste ernsthafte Anwendungen für KI-Retuschen per Texteingabe.
Martin Vieten: Du siehst KI also eher als Chance, denn als Problem?
Christoph Künne: Ich vergleiche das gerne mit Photoshop und Lightroom bei der Diskussion über die Wahrheit in der Fotografie. Neue technische Möglichkeiten erweitern immer das Spektrum der Kreativen sich auszudrücken und sie sind gleichzeitig Gift für die Wahrhaftigkeit von Bildern. Kreativ-KI ist also definitiv keine Option für Dokumentarfotografen. Die können aber auch profitierten, etwa wenn sie ihre Archive von nicht-kreativen KI-Tools verwalten und/oder verschlagworten lassen.
Kreative Fotografen erhalten dagegen durch KI die Chance, mehr Zeit mit der Ideenfindung der Planung und der inhaltlichen Ausarbeitung Ihre Bilder zu verbringen und sich weniger um technische Prozesse kümmern zu müssen.
Martin Vieten: Aber was ist mit dem Zufälligen, dem Charme vieler Fotos, der aus technischen Fehlern entsteht?
Christoph Künne: Wer darauf steht, kann auch Fehler wie Lensflares oder Fehlbelichtungen hineinrechnen lassen. (lacht)
Am einfachsten ist es vermutlich, wieder analog zu arbeiten und dem Zufall seinen Raum geben. Das macht viel Freude und lässt manchmal besondere Bilder entstehen.
Nach meiner Beobachtung ist das jedoch nur ein Nebenaspekt. Die letzten Jahrzehnte haben wir damit verbracht, immer bessere, schärfere, hoch auflösendere, also immer perfektere Bilder machen zu wollen. Mit KI geht das noch einfacher und man wird Fotos vielleicht eines Tages weniger an ihrer technischen Perfektion als vielmehr an ihrer Aussage, der Bildauffassung ihrer Autoren, der Bildsprache und an den zugrunde liegenden Ideen messen müssen. Aber das waren eigentlich schon immer die Kriterien, mit denen sich die guten Fotos von den nicht so guten abgehoben haben.
Martin Vieten: Kommen wir nochmal auf die technische Seite zu sprechen: An welcher Stelle stehen wir da?
Christoph Künne: Die aktuellen KI-Tools stecken im Grunde noch in den Kinderschuhen. Etwa so wie die Digitalfotografie um die Jahrtausendwende oder die digitale Bildbearbeitung, als Photoshop 1994 in Version 3 die Ebenenfunktion eingeführt hat. Der Unterschied ist nur, dass die Entwicklung im Gegensatz zu dieser ersten Digitalisierung viel schneller verläuft. Also nicht mehr im Jahres-, sondern im Monatstakt.
Martin Vieten: Fassen wir zusammen: Lohnt es für Fotografen, sich mit den KI-Entwicklungen im Detail zu befassen?
Christoph Künne: Unbedingt! In der Entwicklung stecken weit mehr Chancen als Nachteile. Zumindest dann, wenn es einem Fotografen in erster Linie um das Ergebnis geht und nicht um den technischen Aufnahmeprozess.
Hintergrund
Das DOCMA-Magazin erscheint seit 2002 als gedrucktes Heft und seit einigen Jahren auch digital als ePaper sowie in Form des kostenpflichtigen wöchentliches Newsletters „DOCMA2go“.
Neben dem KI-Schwerpunkt enthält das Magazin in der aktuellen Ausgabe #104 insgesamt 67 Tutorials, Tipps und Tricks zu Photoshop, Lightroom, Capture One und Luminar.
