
Die Samen des Eisenhuts stecken in einer weißen Hülle, dunkel und rund, ungefähr so, wie eine Pupille im Augenlid sitzt. Für die Gelehrten der Renaissance war damit alles klar: Wer kranke Augen hat, braucht Eisenhut. Das Pech der Patienten: Eisenhut zählt zu den giftigsten Pflanzen Europas. Die Ähnlichkeit war glasklar. Sie war nur leider kein Beweis.
Der Eisenhut im Rechenzentrum
Michel Foucault hat dieses Beispiel in „Die Ordnung der Dinge“ ausgegraben. Bis ins 16. Jahrhundert, schreibt er, war Ähnlichkeit der Schlüssel zum Wissen. Die Walnuss sieht aus wie ein Gehirn, also gilt sie als gut für den Kopf. Gott hatte die Welt gewissermaßen beschriftet, man musste die Zeichen nur lesen. Dann kam das 17. Jahrhundert, und aus Wissen wurde ein Prüfverfahren: vergleichen, messen, belegen. Wer weiter nur Ähnlichkeiten sah, endete wie Don Quijote, der Windmühlen für Riesen hielt.
Dass dieses alte Prinzip gerade zurückkehrt, legt der Publizist Mads Pankow nahe. In seinem Buch „Die wahrscheinliche Wahrheit“ argumentiert er, dass nicht mehr Regeln und Belege das Maß der Dinge sind, sondern Wahrscheinlichkeiten, die auf die einzelne Person zielen. Stephen Colbert hatte dafür schon 2005 das Wort: „Truthiness“, Wahrheit aus dem Bauch. Damals war es Satire. Heute ist es eine Produktbeschreibung.
Stadtplan statt Wahrheit
Wie das technisch funktioniert, lässt sich mit einem Stadtplan erklären. Ein Sprachmodell hat Milliarden Sätze gelesen und sich gemerkt, welche Wörter in ähnlicher Umgebung auftauchen. Daraus ist eine gewaltige Landkarte der Bedeutungen entstanden. „Hund“ und „Katze“ wohnen in derselben Straße, „Hund“ und „Steuererklärung“ in verschiedenen Stadtteilen.
Beim Schreiben fragt das Modell bei jedem Wort nur eines: Was steht in dieser Gegend üblicherweise als Nächstes? Es antwortet also nicht mit dem, was stimmt, sondern mit dem, was dazu passt. Ein Bildgenerator geht ähnlich vor. Er startet mit Rauschen, wie auf einem Fernseher ohne Antenne, und räumt so lange auf, bis etwas übrig bleibt, das den Millionen Bildern gleicht, an denen er geübt hat. Leg KI-Porträts nebeneinander, und sie wirken wie Geschwister, denn auch die Anziehung zum Durchschnitt gehört zu dieser Ordnung.
Medienkompetenz
in Zeiten von KI

Bilder beweisen nichts mehr. Generative KI hat die Grenze zwischen echter und simulierter Wirklichkeit nahezu unsichtbar gemacht. In „Synthetische Wahrheit“ liefert DOCMA-Herausgeber Christoph Künne eine fundierte und nüchterne Bestandsaufnahme dieses historischen Epochenbruchs. Fernab von Technik-Euphorie und apokalyptischen Untergangsszenarien.
Ein Unterschied zur Renaissance bleibt trotzdem. Damals steckte die Ähnlichkeit angeblich in den Dingen, vom Schöpfer beglaubigt. Das Modell dagegen liest nicht in der Natur, sondern in unserem Gerede über sie. Es weiß nicht, ob ein Satz stimmt, nur, dass er klingt wie Sätze, die von Autoren häufig geschrieben wurden.
Wie das im Ernstfall aussieht, zeigte Irland im Oktober 2025. Kurz vor der Präsidentschaftswahl lief auf Facebook ein Video im Look des Senders RTÉ. Eine künstlich nachgebaute Moderatorin verkündete, die Kandidatin Catherine Connolly gebe auf, die Wahl falle aus. Logo, Studio, Tonfall, alles stimmte. Nur die Nachricht nicht. Meta nahm das Video vom Netz, Connolly gewann. Synthetische Wahrheit nenne ich so etwas: eine Wahrheit, die nur noch wahrgenommen wird, hergestellt aus Ästhetik, Kontext, Bildqualität und Reichweite, ohne dass irgendwo etwas passiert wäre.
Die Falte im Ohrläppchen und der Käse im Bettlaken
Nun wäre es zu einfach, Ähnlichkeit und Muster zu verteufeln. 1973 beschrieb der Arzt Sanders Frank, dass Menschen mit einer schrägen Falte im Ohrläppchen auffallend häufig Herzprobleme haben. Warum, weiß bis heute niemand genau. Als Diagnose taugt die Falte nicht, als Anlass für einen zweiten Blick schon. Das ist die vernünftige Rolle der Ähnlichkeit: Sie liefert einen Verdacht, der geprüft werden will.
Die Kehrseite sammelt Tyler Vigen. Der Käsekonsum in den USA verlief laut einer seiner Grafiken fast deckungsgleich mit der Zahl der Menschen, die sich in ihren Bettlaken verheddern und daran sterben (Korrelation 0,95). Wer genug Zahlenreihen durchsucht, findet immer zwei, die sich gleichen. Bei Käse lachen wir. Bei Kreditwürdigkeit, Rückfallprognosen oder Versicherungstarifen hört der Spaß auf, denn dort trifft die Statistik nicht den Fall, sondern den Typ, dem man ähnelt. Signaturenlehre mit Aktenzeichen.
Hinzu kommt ein Nebeneffekt: Wenn alles gefälscht sein kann, lässt sich auch alles Echte als Fälschung abtun. Die Juristen Bobby Chesney und Danielle Citron haben das 2019 die „Dividende des Lügners“ genannt.
Was folgt daraus? Jedenfalls kein Kulturpessimismus. Der Buchdruck hat die Welt auch nicht dümmer gemacht, nur anders, und schon Platon fürchtete, die Schrift ruiniere das Gedächtnis. Aber ein Bild beweist nichts mehr, ein Text braucht keinen Autor, eine Stimme keinen Sprecher. Die Renaissance hatte Gott als Bürgen für die Ähnlichkeit. Wir haben nur uns selbst, unsere Quellen und die Bereitschaft nachzuschauen. Die Frage lautet nicht mehr „Sieht das echt aus?“, sondern: Wer hat es gemacht, womit, und sagt er es?
Ob uns das zurück ins 16. Jahrhundert führt oder in etwas ganz Neues, ist offen. Vermutlich in beides: in ein Zeitalter der Ähnlichkeit, in dem erstmals Maschinen die Zeichen lesen. Also merken Sie sich den Eisenhut. Ähnlichkeit ist ein Verdacht, kein Beweis.